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Interview: Sie und Er immer noch nicht gleichberechtigt

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Obwohl die Gleichstellung, oder eher Ungleichstellung, der Geschlechter sicher nicht Thema Nummer eins auf der Tagesordnung der slowakischen Politiker ist, zeigt die soziale Realität - vor allem die Tatsache, dass es in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen drei Frauen gab und eine von ihnen genügend Stimmen bekam, um weiterzukommen und eine ernste Herausforderung für den amtierenden Präsidenten zu werden - , dass Themen über Gleichberechtigung allmählich ihren Platz in der öffentlichen Diskussion finden.

Ein Team von Forschern des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten (IVO) haben drei Jahre lang an einem von der EQUAL Initiative der Europäischen Union finanzierten Projekt mit dem Namen Frauen 45+ gearbeitet.  Sie haben kürzlich ihre Ergebnisse in einem Buch veröffentlicht namens ‚Sie und Er in der Slowakei, Geschlecht und Alter in der Zeit des Wandels’. Hier finden sich Themen, die die Stellung der Geschlechter in der slowakischen Gesellschaft widerspiegeln und das Bild der idealen Frau und des idealen Mannes in der Slowakei zeigen. In vielerlei Hinsicht ist es eine Fortsetzung der vorherigen Studie ‚Sie und Er in der Slowakei, Gleichberechtigung in der Öffentlichkeit’ aus dem Jahr 1996.

Der Slovak Spectator sprach mit Zora Bútorová, Leiterin des Forscherteams und Herausgeberin des Buchs, über die Ungleichheit der Geschlechter, alters- und geschlechtsspezifische Diskriminierung und die  Bereitschaft der Slowakei für einen weiblichen Präsidenten.

Der Slovak Spectator (TSS): Auf welche Weise zeigt sich die Ungleichheit der Geschlechter in der slowakischen Gesellschaft - ist sie eher im Familienleben oder im Berufsumfeld vorhanden?

Zora Bútorová (ZB): Eine Ungleichbehandlung der Geschlechter in beiden Bereichen sind miteinander verbunden.  Alles beginnt im privaten Umfeld.  In einer typischen slowakischen Familie wird der Mann als der wichtigste Ernährer angesehen und die Frau spielt die Rolle der Hausfrau, was bedeutet, dass der Großteil der Hausarbeit und die Betreuung der  Familie nach wie vor auf den Schultern der Frau lasten. Obwohl dieses traditionelle Leitbild häufig kritisiert wurde, hat es die Wechsel von mehreren politischen Regimes, einschließlich den Fall des Kommunismus, überlebt. Heute verbringen berufstätige Frauen mehr als 16 Stunden mit unbezahlter Hausarbeit, während Männer 4 Stunden mehr mit bezahlter Arbeit pro Woche zubringen. Insgesamt arbeitet eine durchschnittliche berufstätige Frau in der Slowakei 12 Stunden mehr als der Durchschnittsmann. Und natürlich schränkt eine solche Doppelbelastung ihre Weiterentwicklung in der Öffentlichkeit ein - sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Politik.

Unser Buch zeigt viele Fakten über diese Fragen auf. Lassen Sie mich ein paar Fakten veranschaulichen, indem ich Ihnen Antworten auf einige Fragen gebe. Gibt es mehr Frauen in den Niedriglohnbereichen, in der Industrie und in akademischen Berufen? Ja. Gibt es ein erhebliches Lohngefälle zwischen slowakischen Frauen und Männern? Ja, es ist sogar eines der größten in der EU. Sind Frauen in Führungs-und Entscheidungspositionen unterrepräsentiert? Ja. Haben sie gute Aufstiegschancen?  Nein.

Heute werden diese geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Slowakei mehr als je zuvor diskutiert. Konkrete politische Maßnahmen, die eine Förderung der Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt bewirken würden, und die Frauen Beruf und Familie besser kombinieren ließen, fehlen noch.

TSS: In Ihrer Forschung haben Sie der Gruppe der Frauen über 45 besondere Beachtung geschenkt. Warum?

ZB: Sie werden auf dem Arbeitsmarkt sehr benachteiligt. Was sie sowohl von jungen Frauen als auch von Männern unterscheidet, ist das vermehrte Auftreten der Langzeitarbeitslosigkeit, ihr geringeres Bildungsniveau und weniger Interesse an der Verbesserung ihrer Qualifikationen und sie sind der Diskriminierung am Arbeitsplatz mehr ausgesetzt. Die meisten dieser Frauen, vor allem in Regionen mit nur wenigen Arbeitsplätzen, erkennen ihre Verwundbarkeit und sie sind bereit, finanzielle Zugeständnisse zu machen, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Auch Frauen mit höherem Bildungsniveau haben ein schwaches Gefühl bei der Sicherheit des Arbeitsplatzes. Eine Frau im reiferen Alter zu sein ist nicht gerade von Vorteil, vor allem in den Branchen, die tendenziell eine Brutstätte von altenfeindlichen Vorurteile sind.
Wir behaupten in unserem Buch, dass diese stereotype Haltung gegenüber dem Arbeitnehmer über 45 nicht nur inakzeptabel, sondern auch kontraproduktiv ist. Die slowakische Gesellschaft wird immer älter und unsere Arbeitgeber stehen ähnlichen Herausforderungen wie andere europäische Länder gegenüber: die Arbeitsfähigkeit älterer Arbeitnehmer zu fördern und auf deren Bedürfnisse einzugehen. Nur dieser Denkansatz lässt die Arbeitgeber das Potenzial älterer Arbeitnehmer in vollem Umfang nutzen - ihre Erfahrungen, ihre Zuverlässigkeit und Loyalität zu einer Organisation. Natürlich erfolgt die Aufnahme dieses Konzepts des aktiven Alterns weder schnell noch ist sie einfach. Es erfordert eine Partnerschaft und die Einbeziehung vieler Akteure, einschließlich der Regierung, Unternehmen, Arbeitnehmern und ihrer Organisationen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, der Medien und zu guter Letzt der älteren Frauen und Männer selbst.

TSS: Was ist die Position der Slowakei in den EU-Ländern in Bezug auf die Vertretung der Frauen in der Politik?

ZB: Im Vergleich zu anderen Ländern wurde den Frauen in der Slowakei das Wahlrecht relativ früh 1919 gewährt. Trotzdem ist ihre Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen noch relativ gering. Im Sozialismus gab es formale Quoten in Bezug auf die Ernennung von Abgeordneten der parlamentarischen Sitze. Dies hatte zur Folge, dass Frauen mehr als 20 Prozent der Sitze erhielten. Dennoch war ihre Vertretung nur formal, denn sie erfolgte in einem undemokratischen Rahmen des Machtmonopols der Kommunistischen Partei. Nach der Samtrevolution wurde die Quotenregelung abgeschafft und der Anteil der Frauen, die ins slowakische Parlament in den ersten freien Wahlen im Jahr 1990 gewählt wurden, fiel auf 12 Prozent.

Derzeit haben Frauen 20 Prozent der Mandate in der Slowakei und der EU-Durchschnitt betrug 24 Prozent im Jahr 2008. Der Anteil der weiblichen Abgeordneten ist viel höher in Ländern wie Deutschland (33 Prozent), Spanien (35 Prozent), Finnland (41 Prozent) und Schweden (46 Prozent). Die geschlechtsspezifische Zusammensetzung des slowakischen Parlaments ist ähnlich der von Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder Italien, aber sie ist ausgewogener als in Tschechien, Griechenland oder Slowenien.

Die Repräsentation der slowakischen Frauen in Top-Führungspositionen in der Regierung ist viel niedriger als im Parlament. Seit 1989 betrug der Anteil der weiblichen Kabinettsmitglieder nie mehr als 15 Prozent. Obwohl die derzeitige herrschende Koalitionspartei Smer behauptet, eine sozial-demokratische Partei zu sein, missachteten ihre Führer den Grundsatz der Gleichstellung von Frauen und Männern bei der Regierungsbildung.

Mit nur einer Frau in der Regierung, was 6 Prozent der Kabinettsmitglieder bedeutet, hinkt die Slowakei weit hinter dem EU-Durchschnitt von 26 Prozent hinterher und steht damit an zweitletzter Stelle in der EU.  Rumänien ist am unteren Ende der Leiter, dort gibt es keine Frau im Kabinett.

In den Top-Positionen stehen wieder Länder wie Finnland (60 Prozent), Spanien (50 Prozent) und Schweden (45 Prozent).

Die slowakische Öffentlichkeit ist bereit für einen Wechsel: die meisten Menschen in der Slowakei sind gegen die geringe politische Vertretung von Frauen und glauben, dass Frauen in der Politik das gleiche Sagen wie Männer haben sollten.

TSS: Das Ergebnis Ihrer Forschung stellt fest, dass die zunehmende Gleichstellung von Frauen und Männern in der Slowakei eine schwierige Herausforderung ist. Warum ist das so?

ZB: Ein typisches Merkmal der heutigen Slowakei ist die Kluft zwischen formell genehmigten Gesetzen und strategischen Papieren zur Unterstützung der Gleichstellung der Geschlechter und ihre Umsetzung in die Praxis. Bis jetzt sind die guten Absichten meist „auf dem Papier“ geblieben. Die wichtigste Herausforderung besteht darin, die politischen Führer und die öffentliche Verwaltung zu ermutigen, ein lebhaftes Interesse an der Beseitigung der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu zeigen.
Natürlich spiegelt dieser Mangel an politischem Willen auch den nicht ausreichenden Druck für Veränderungen bei den Frauen selbst wider.

Auf der einen Seite stehen Frauen ihrer Stellung und ihren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und in der Politik kritisch gegenüber und sind auch unzufriedener mit der Aufteilung der Arbeit innerhalb der Familie. Auf der anderen Seite scheinen sie eher eine Strategie der passiven Anpassung vorzuziehen. Sogar diejenigen, die einer wirklichen Diskriminierung an ihren Arbeitsplätzen gegenüberstehen, haben keine klare Vorstellung davon, wie sie ihre Rechte verteidigen sollen. Die Fälle, in denen Frauen sich für eine Klage wegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts entscheiden, sind sehr selten.

In den letzten zehn Jahren sind sich die Menschen in der Slowakei viel mehr der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern bewusst. Allerdings werden Änderungen im Bewusstsein der Frauen und Männer ungleichmäßig voranschreiten. Wie unsere Analyse zeigt, stehen jüngere und gut ausgebildete Frauen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern viel kritischer gegenüber als ältere Frauen, während jüngere und gebildetere Männer der Generation ihrer Väter ähneln und weniger Gründe für eine Veränderung des Status quo haben. Mit anderen Worten sind die Unterschiede zwischen den Ansichten von jungen Frauen und Männern breiter gefächert als in der älteren Generation. Diese Spannung könnte eine positive Wende auslösen, vorausgesetzt, dass Frauen selbstsicher genug sind,  ihre Werte zum Ausdruck zu bringen und sich für ihre Forderungen einzusetzen. Und die Zahl dieser Frauen nimmt langsam, aber sicher zu.
Gleichzeitig können Frauen diesen Weg in Richtung einer gleichberechtigten Partnerschaft nicht allein beschreiten: es erfordert auch die Beteiligung der Männer - Männer, die damit nicht nur die Existenz von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern anerkennen würden, sondern auch die Notwendigkeit für Veränderungen und die Umsetzung dieses Wandels im alltäglichen Leben.

TSS: Die Gleichstellung der Geschlechter und die Stellung der Frau in der Gesellschaft war auch ein Problem im Präsidentschaftswahlkampf, weil der Herausforderer des amtierenden Präsidenten eine Frau ist. Glauben Sie, dass die slowakische Gesellschaft bereit für einen weiblichen Präsidenten ist?

ZB: Die Besonderheit der Präsidentschaftswahl 2009 war die Anwesenheit von drei Frauen aus sieben Kandidaten für das Amt. Im Jahr 1999 gab es eine Frau, die es nicht in die Stichwahl schaffte, und in den folgenden Wahlen im Jahr 2004 war keiner der Kandidaten eine Frau. Die stärkste unter ihnen, Iveta Radičová, wurde von drei Parteien der parlamentarischen Opposition und von einer kleineren nicht-parlamentarischen Oppositionspartei unterstützt. Zwar ist es nicht einfach, das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vorauszusagen, aber eines ist klar: die Tatsache, dass Radičová von der überwiegend männlichen Führung dieser Parteien nominiert wurde, sowie auch ihre guten Ergebnisse in der ersten Runde, setzen ein positives Signal für die Bereitschaft der slowakischen Gesellschaft für einen weiblichen Präsidenten.

Umfragen deuten darauf hin, dass es in der ersten Wahlrunde mehr Frauen unter Radičovás Wählern gab. Gleichzeitig weist die Struktur ihrer Wählerschaft auch einen höheren Anteil von Männern und Frauen mit höherer Ausbildung, von Angestellten und Fachkräften, von Stadtbewohnern und ethnischen Ungarn auf. Unabhängig von dem Ergebnis wird Radičová eine starke Wirkung auf die Öffentlichkeit haben. Sie hat ihre öffentliche Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit verstärkt. Als herausragende Expertin und als erfolgreiche Politikerin könnte sie zu einem Vorbild für die jungen slowakischen Frauen und Männer werden, die - wie unsere Untersuchung zeigt - nur selten weibliche Vorbilder unter slowakischen Politikern finden.

 

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