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Slowakei verstärkt Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern

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Die Kindheit sollte eine glückliche und unbeschwerte Zeit zum spielen sein, damit Kinder die Welt um sie herum in einer sicheren Umgebung entdecken können. Aber es gibt Kinder, die keine unschuldigen Spiele mit Klassenkameraden mehr spielen können, und die gezwungen waren, die Schmerzen und Freuden des Erwachsenenlebens viel früher zu erfahren, als sie das eigentlich sollten. Es sind die Kinder, die sexuell missbraucht wurden - die meisten hinter den verschlossenen Türen ihrer vermeintlich sicheren Wohnungen.

Hunderte von Kindern werden jedes Jahr Opfer von sexuellem Missbrauch in der Slowakei.  Im Jahr 2008 gab es 391 Fälle, von denen die meisten (nicht weniger als 338 Fälle) Kinder zwischen 6 und 14 Jahren waren. Die Sprecherin des Polizeipräsidiums Andrea Polačiková gab eine entsprechende Polizeistatistik an den Slovak Spectator. Aber das sind nur die gemeldeten Fälle. Laut Bartová, eine Psychologin der Hope Centre Bürgervereinigung, ist es schwierig, die tatsächliche Zahl der sexuell missbrauchten Kinder zu schätzen.

„Die Schätzungen sind unterschiedlich, wahrscheinlich 5 - 15 Prozent der Kinder erleben eine Form von sexueller Gewalt, ohne die Fälle, in denen ein Kind auf einen Exhibitionisten trifft, weil ein solcher Schock  sehr leicht zu überwinden sein kann und er hinterlässt keine Spuren in der Psyche eines Kindes ", sagte Bartová dem Slovak Spectator.

Um Opfern von sexuellem Missbrauch zu helfen, hat das Gesundheitsministerium eine neue fachmännische Richtlinie vorbereitet, die Beschäftigte im Gesundheitswesen zu genaueren Berichten über jeglichen Verdacht des sexuellen Missbrauchs an Kindern verpflichtet. Zuzana Čižmáriková, die Sprecherin des Gesundheitsministeriums sagte, dass Ärzte bereits eine Meldepflicht haben, und auch wenn sie diese eingehalten haben, wurden die Meldungen als eine Zusammenfassung über einen bestimmten Zeitraum und nicht individuell - und damit nicht präzise, verfasst.

„Auch die Kriterien für die Meldung wurden nicht vereinheitlicht und Verdächtigungen über sexuellen Missbrauch wurden daher nicht gemeldet,“ sagte Čižmáriková dem Slovak Spectator. Die fachmännische Richtlinie wird daher eine Methode erklären, einen sexuellen Missbrauch zu entdecken und zu diagnostizieren. Nach Angaben von Čižmáriková wird die Richtlinie spezifische und unspezifische Symptome beschreiben. Bis jetzt wurden nur Fälle mit spezifischen Symptome, wie z. B. Schwangerschaft, berichtet. Die neue Richtlinie fordert Ärzte dazu auf, auch Fälle mit weniger spezifische Symptomen, wie z. B. Wunden, Schmerzen oder Blutungen im Genitalbereich zu melden.

Das Gesetz verpflichtet die Ärzte zur Meldung

Nach Angaben von Peter Kováč, Anwalt und forensischer Pathologe des Instituts für Forensische Medizin-Gutachten, forensic.sk, in Bratislava, wird die Pflicht zur Meldung dieser Fälle von Kindesmissbrauch, einschließlich des sexuellen Missbrauchs, derzeit durch das Gesetz über die Leistungsbringer medizinischer Dienstleistungen geregelt.

„Die Erklärung des Ministeriums für Gesundheit über die Zusammenfassung der Meldungen ist völlig irreführend, sie steht sogar in Konflikt mit den grundlegenden Gesundheitsgesetzen - das finde ich schockierend,“ sagte Kováč dem Slovak Spectator, und erklärte, dass jeder Arzt die Pflicht zur Übermittlung an den Staatsanwalt, einen Ermittler oder an die Polizei hat, und „selbst den geringsten Verdacht ohne Verzögerung und nicht als eine Zusammenfassung, sondern individuell“ berichten muss.
Diese Meldepflicht ergibt sich nicht nur eindeutig aus dem Gesetz, sondern auch aus dem Sittenkodex, den die Anbieter von Gesundheitsdiensten nach dem Gesetz beachten müssen,“ sagte Kováč.

„Wenn jemand etwas anderes behauptet, versteht er die ganze Sache nicht,“ sagte Kováč dem Slovak Spectator. „Im Grunde gibt es keine Notwendigkeit für weitere fachmännische Richtlinien, da das Gesetz den Anwendungsbereich der Meldepflicht und den Empfänger der Mitteilung klar definiert. Die fachmännische Richtlinie kann nur die Meldepflicht gegenüber dem Ministerium behandeln, aber diese Änderung erfordert eine Änderung des Gesetzes, da sie die Schweigepflicht der im Gesundheitswesen Tätigen anspricht.“

Laut Bartová haben Fachleute oft Angst, einen Verdacht von Kindesmissbrauch zu melden, weil sehr oft Psychologen, Sozialarbeiter, Richter oder die Polizei Zweifel an dem, was ein Kind gesagt hat, haben.
„Sie wollen nicht glauben, dass „solch eine nette Person“ ein Kind missbrauchen könnte,“ sagte Bartová. „Oder sie behaupten, dass ein vierjähriges Kind alles erfunden hat, und das ist absurd."
Die Verwandten eines Kindes werden oft von Fachleuten entmutigt, einen Fall zu melden, aber noch öfter sind es die Eltern selbst, die nicht sehen oder zugeben wollen, dass ein Familienmitglied ein Kind missbraucht haben könnte.

Laut Kováč können Verstöße gegen die durch das Gesetz sanktionierte Meldepflicht mit Geldstrafen von bis zu €3.319 geahndet werden.

Wie viele sind pädophil?

Nach einem Artikel für Kinderärzte, der von Kováč  und seinen Kollegen Norbert Moravanský von forensic.sk und Daniel J. Spitz von der Wayne State University's School of Medicine in den USA verfasst wurde, ist das häufigste und gleichzeitig gravierendste Problem, mit dem Ärzte konfrontiert werden, wenn sie einen Verdacht haben und dann versuchen zu beweisen, dass ein Kind belästigt wurde (sexuell oder auf andere Weise), das Fehlen von Informationen.

Erstens, so schreiben sie, wird das Kind in der Regel jedes Mal von anderen Ärzten untersucht, wenn es in die Notaufnahme kommt. Weiterhin versucht der Täter in der Regel oft den Kinderarzt zu wechseln, um keinen Verdacht bei einem Arzt zu erwecken. Die Anamnesedaten können ebenfalls ein Problem sein, da ein Arzt oft mittelbare Informationen nur von den Erwachsenen, oft vom Täter, und nicht vom Kind erhält.
Nach diesem Artikel leiden nur 10 Prozent der Täter unter psychischen Störungen. Die Autoren schreiben, dass 67 Prozent der Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenmissbrauch durch die Angreifer erfolgten.

Laut Bartová können weniger als 3 Prozent der Tätern als Pädophile bezeichnet werden.  Sie sagte, dass in den meisten Fällen das Hauptmotiv für den sexuellen Missbrauch nicht die sexuelle Befriedigung, sondern die Durchsetzung der eigenen Macht über ein schwaches und ängstliches Kind seien.

Die häufigsten Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern passieren in der Familie, der Aggressor ist oft ein enger Verwandter des Kindes - ein Vater, Stiefvater, Großvater, Onkel oder älterer Bruder.
„Ein oft erwähnter Mythos ist, dass nur eine seltsam aussehende Person ein Kind missbrauchen kann,“ sagte Bartová dem Slovak Spectator. „Aber der Angreifer kann jeder sein und es sind oft gut ausgebildete und intelligente Menschen, die ihre Kinder auf hinterlistige Art und Weise missbrauchen, und es ist schwieriger diese Taten wegen ihrer schlauen Strategien zu entdecken." Eltern missbrauchen ihre Kinder manchmal unter dem Deckmantel eines Spiels.

Laut Bartová neigen die Menschen zu der Ansicht, dass der Mißbrauch von Kindern nur in Familien auf den unteren gesellschaftlichen Ebenen, von Eltern ohne Bildung, stattfindet.

„Willkür und Missbrauch von Kindern zieht sich durch die ganze Gesellschaft, unabhängig von Alter, Intellekt, Bildung, sozialem Status, Religion, Rasse oder ethnischer Gruppe," sagte Bartová.
Wenn das Gericht beweist, dass eine Straftat begangen wurde, kann der Täter für drei bis 10 Jahre ins Gefängnis gehen. Wenn die Gesundheit eines Kindes schwer verletzt wurde, kann das Strafmaß bis zu 15 Jahren betragen, und wenn die begangene Straftat fatale Folgen hat, bis zu 20 Jahren, sagte Polačiková.

Allerdings bleiben laut Bartová viele dieser Verbrechen ungesühnt. Sehr oft handelt die Polizei zu langsam.  Sobald der Fall vor Gericht geht, ist das Problem, dass das Kind oft der einzige Zeuge ist, und laut Bartová, ist es einfach für einen guten Anwalt, die Aussagen des Kindes anzuzweifeln. Der Mythos, dass nur ein Pädophiler ein Kind missbrauchen kann, kompliziert das rechtliche Verfahren, weil viele Menschen, darunter auch Profis wie Richter oder Psychologen, dem Gedankenmuster folgen, dass, wenn der Angeklagte nicht eindeutig ein Pädophiler ist, dann hat er oder sie das Verbrechen nicht begangen.

Um dies zu verhindern, sind strengere Vorschriften für die Meldung nicht genug, und es sollte ein System geben, das einem Kind wirklich helfen würde, wenn ein sexueller Missbrauch gemeldet wurde, sagte Bartová.

„Ein solches System existiert nicht hier. Alles hängt von der Vorgehensweise ab, dem Wissen über dieses Problem und das persönliche Engagement von Fachleuten, die dem Kind helfen und das Trauma beseitigen sollten,“ sagte Bartová. „Unsere Erfahrung zeigt, dass das nicht vorhandene System der Slowakei sekundäre Viktimisierung von Kindern verursacht und das Trauma, das sie erlebt haben, nur erhöht."

 

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