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Schnittstelle zwischen zwei Volkswirtschaften - Interview mit der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer

Schnittstelle zwischen zwei Volkswirtschaften

Die wichtigste Aufgabe der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer (DSIHK) in Bratislava ist die Förderung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Slowakei. Slowakei.com fragte das geschäftsführende Vorstandsmitglied Michael Kern über seine Erfahrungen mit der Slowakei und wie die IHK deutsche und slowakische Unternehmen unterstützen kann.

Michael KernHerr Kern, wie kam es zur Gründung der DSIHK?

Nach der Trennung von Tschechien im Jahr 1993 exitsierte in der Slowakei das Delegierten-Büro der Deutschen Wirtschaft, das von Prag aus betreut wurde. Da im Laufe der Jahre das Interesse deutscher Unternehmen an der Slowakei immer mehr zunahm, wurde jedoch zunehmend deutlich, dass eine größere Präsenz vor Ort notwendig ist. 2005 schließlich startete die deutsch-slowakische IHK mit 80 Gründungsmitgliedern. Heute sind 220 Unternehmen freiwillige Mitglieder der DSIHK. Unsere Aufgabe ist, Schnittstelle zwischen den beiden Volkswirtschaften Deutschland und Slowakei zu sein und die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu fördern.

Wie kam dieses wachsende Interesse an der Slowakei zustande?

In Deutschland wurde das Interesse an der Slowakei durch eine große Zahl an tiefgreifenden Reformen geweckt. Am Bekanntesten ist dabei wohl die Steuerreform mit einem einheitlichen Steuersatz von 19 Prozent bei allen Steuerarten. Wichtig für das Land war sicher auch das frühe Engagement des Automobilproduzenten VW: Heute arbeiten etwa 12.000 Mitarbeiter für dieses Unternehmen. Mittlerweile haben sich eine Vielzahl an Zulieferbetrieben nieder gelassen, die wiederum auch andere PKW-Hersteller wie Peugeot und Kia zur Ansiedlung bewogen haben. Trotz dieser Erfolge darf sich die Slowakei auf solchen Erfolgen nicht ausruhen , sondern muss sich auch in anderen Wirtschaftsbereichen anstrengen.

Wie ist die slowakische Bevölkerung gegenüber Deutschland eingestellt?

Gerade das frühzeitige Engagement von VW hat zu einer grundsätzlich deutschfreundlichen Stimmung im Land beigetragen. So ist die deutsche Sprache nicht nur durch die historischen Wurzeln im Land noch sehr weit verbreitet. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass auch viele jüngere Menschen die deutsche Sprache in einer sehr guten Qualität erlernen.

Versetzt man sich nun in die Lage eines deutschen Unternehmens: Was sind konkret die Vorteile der Slowakei?

Vielfach werden von Seiten der Unternehmen die geringen Lohnkosten und die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte genannt. Ein weiterer wichtiger Vorteil des Landes ist die geografische Lage: Die Slowakei kann sehr gut als Zentrale für viele Länder in Europa dienen. Selbstverständlich sind auch die niedrigen Steuersätze ein wichtiger Faktor sowie die erwähnte deutschfreundliche Einstellung der Bevölkerung. Darüber hinaus sehen wir ein großes Potenzial in den jüngeren Teilen der Bevölkerung.

Welche konkreten Aufgaben nimmt die DSIHK wahr?

Da sind im wesentlichen drei Bereiche zu nennen. Zunächst der wichtige Bereich der Geschäftsanbahnung: Wir stellen Kontakte her, geben Auskünfte, organisieren Unternehmerreisen und Messebeteiligungen und bringen wo immer dies nützlich ist deutsche und slowakische Unternehmer zusammen. Dann sind die Aktivitäten für unsere Mitglieder zu nennen, für die wir eine wichtige Plattform für den Austausch von Erfahrungen und für die Bildung von Netzwerken sind. Da es bei den Vertretern deutscher Unternehmen häufig zu Rotationen kommt, ist dieser Bereich besonders wichtig. Und letztlich sind wir auch ein Sprachrohr für die Interessen der Unternehmen aus beiden Ländern.

Welche Risiken sehen Sie für deutsche Unternehmen, sich in der Slowakei zu engagieren?

Man muss sehen, dass dieses Land in sehr kurzer Zeit sehr tiefgreifende Reformen durchgeführt hat. Die Umsetzung ist in vielen Bereichen noch nicht vollständig gelungen. So ist die Rechtsprechung noch sehr jung, die Richter haben in vielen Verfahren keine Präzedenzfälle und damit kaum Möglichkeiten, sich zu orientieren. Das führt zu Risiken im Rechtsbereich. Vertragspartner legen deshalb in Verträgen häufig schon Schiedsgerichte für den Fall von Streitigkeiten fest, um diesen Problemen auszuweichen. Auch ist die öffentliche Verwaltung in vielen Fällen nicht effizient, Entscheidungen werden häufig nicht transparent getroffen. Ein weiteres Risiko sehen wir langfristig darin, ausreichend qualifizierte Fachkräfte zu finden: Die Einwohnerzahl des Landes ist begrenzt, in einigen Regionen werden Fachkräfte bestimmter Branchen schon knapp. Diese Probleme kann man lösen, in dem man sich in der richtigen Region der Slowakei niederlässt. Im Zuge der knapper werdenden Fachkräfte werden auch die Löhne steigen, weshalb man in der Slowakei genau wie in Deutschland auf die Produktivität achten muss. Grundsätzlich gilt bei allen Problemen, die es geben kann: Sie sind fast immer lösbar, nur sollte sich ein deutsches Unternehmen vor einem Engagement in der Slowakei gründlich beraten lassen.

Die Slowakei wird dem Euro-Währungsraum beitreten. Sehen Sie darin Vorteile für den bilateralen Handel?

Hier muss man sehen, dass in der Slowakei der Euro heute schon eine wichtige Rolle spielt, der Eintritt in den Währungsraum für viele nicht etwas wirklich Neues ist. Aber natürlich mindert der Eintritt in den gemeinsamen Währungsraum kalkulatorische Risiken für deutsche und slowakische Unternehmen.

Herr Kern, haben Sie herzlichen Dank.

Michael Kern, geboren 1964 in Heidelberg, Diplom-Volkswirt; Studium an den Universitäten Karlsruhe und Kiel; Mitarbeit in einem Großhandelsunternehmen in Deutschland; 1994 bis 2000 Deutsch-Norwegische Handelskammer in Oslo, Leiter der Abteilung Wirtschaftsinformationen; 2001 bis 2005 Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer in Prag, stellvertretender Geschäftsführer; seit Juli 2005 Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer in Bratislava.

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